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Auslastung mit Herz und Verstand

Ein ehrlicher Blick auf Auslastung, Spiel und sinnvolle Beschäftigung

 

Ich werde immer wieder gefragt:
„Wie kann ich meinen Hund beschäftigen?“ oder „Wie kann ich ihn richtig auslasten?“ – Fragen, die viele Hundehalter umtreiben. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Denn: Jeder Hund ist anders. Was dem einen guttut, stresst den anderen. Deshalb ist es so wichtig, individuell hinzuschauen.

 


 

 

Warum ich kein Fan vom Bällchenwerfen bin

 

Was ich persönlich nicht empfehle, ist das ständige Werfen von Bällchen – und schon gar nicht mit Wurfschleudern oder Ballwurfmaschinen. Denn das hat für mich nichts mit Spiel zu tun.
Spiel lebt vom Miteinander, von Abwechslung – nicht von stumpfer Wiederholung.

 

Das Ballwerfen ist im Grunde Jagdverhalten. Dabei werden Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die bis zu 72 Stunden im Körper aktiv bleiben. Wird in dieser Zeit erneut geworfen (was fast immer passiert), steigt der Hormonspiegel immer weiter – und plötzlich steht man da mit einem nervösen, überdrehten Hund, der kaum noch zur Ruhe findet.
Ein sogenannter Balljunkie ist geboren.

 


 

Zerrspiele – ja, aber mit Maß

 

Was ich dagegen sehr schön finde, ist ein gemeinsames Zerrspiel. Es geht dabei nicht um Gehorsam oder Training, sondern um echten, gemeinsamen Spaß. Zerrspiele stärken die Bindung und schaffen positive Erlebnisse zwischen Mensch und Hund.

 

Aber auch hier gilt: Weniger ist mehr. Zu langes oder wildes Zerren kann den Hund hochdrehen. Kurze, kontrollierte Spieleinheiten mit einem klaren Start und einem ruhigen Ende helfen, dass der Hund wieder zur Ruhe findet – und das Spiel eine schöne Bereicherung bleibt.

 


 

Nicht jeder Hund muss „ausgelastet“ werden

 

Viele Hundehalter denken, sie müssten ihren Hund ständig bespaßen. Doch oft ist weniger mehr.
Manchmal reicht ein ausgedehnter Spaziergang mit vielen Schnüffelpausen.

 

Hunde nehmen ihre Umwelt vor allem über die Nase wahr – dieses „Zeitunglesen“ ist für sie unglaublich wertvoll. Beim Schnüffeln sammelt ein Hund unzählige Informationen: Wer war hier? Wann? In welchem Zustand? Rüde oder Hündin? Vielleicht krank oder läufig?
Für uns ist das unsichtbar – für den Hund ist es sein Nachrichtennetzwerk.

 

Ich sehe oft, dass Hunde mitten in einer spannenden Geruchsanalyse abrupt weitergezogen werden. Dabei sind genau solche Momente wichtig: zur Reizverarbeitung, zur mentalen Auslastung und zum Stressabbau.

 

Schon allein das Schnüffeln ist für viele Hunde eine enorme Auslastung. Wer seinem Hund dafür Zeit gibt, tut ihm körperlich und seelisch etwas richtig Gutes – ganz ohne wilde Action oder Extra-Programm.

 


 

Radfahren – sinnvoll oder nicht?

 

Auch das Radfahren ist nicht für jeden Hund geeignet. Wer hofft, seinen Hund dadurch einfach nur „müde zu machen“, erreicht meist nur einen Erschöpfungsschlaf – aber keinen gesunden Erholungsschlaf.

 

Für lauffreudige Hunde wie z. B. Dalmatiner kann das gemeinsame Radfahren im passenden Tempo, bei geeigneten Temperaturen und im richtigen Alter eine schöne Auslastung sein.
Wichtig ist: Beobachte deinen Hund gut – und plane ausreichend Pausen und Erholungsphasen ein.

 


 

Nasenarbeit – die beste Auslastung für Körper & Geist

 

Was ich besonders gern empfehle, ist ruhige Nasenarbeit. Das kann z. B. die Suche nach einem Futterdummy sein oder eine kleine Verlorensuche im Garten oder Wald.

 

Diese Art der Beschäftigung fördert die Konzentration, bringt Ruhe und macht viele Hunde zufrieden – ganz ohne Hochdrehen.
Das Schöne: Man braucht dafür weder viel Platz noch teures Zubehör. Ein bisschen Zeit, Kreativität und Geduld genügen vollkommen.

 


 

Kauen – natürliche Beschäftigung mit Mehrwert

 

Eine weitere tolle Form der Beschäftigung ist das Kauen. Gute, natürliche Kauartikel helfen dem Hund nicht nur bei der Verarbeitung von Stress – sie beruhigen und bieten eine sinnvolle Beschäftigung nach aufregenden Erlebnissen.

 

Zusätzlich leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Zahnpflege: Sie massieren das Zahnfleisch, stärken die Kaumuskulatur und helfen, Zahnstein vorzubeugen – ganz ohne künstliche Zusätze.

 

Wovon ich allerdings abrate: extrem harte Kauartikel wie Geweihstücke, Büffelhorn oder Gehörn. Diese sind oft so hart, dass sie Zahnfrakturen oder Risse im Zahnschmelz verursachen können – vor allem bei kauintensiven Hunden.
Eine gute Idee wird so schnell zur teuren Zahn-OP.

 

Besser sind naturbelassene, gut verträgliche Kauartikel wie z. B. Rinderhaut, getrocknete Rindernasen, Lammlunge oder Schlund – abgestimmt auf Größe, Kaukraft und Vorlieben des Hundes.

 


 

Fazit: Beschäftigung ist individuell

 

Am Ende zählt: Was für ein Hund lebt bei dir – und was braucht genau dieser Hund?

 

Es gibt keine Universallösung. Manche Hunde brauchen mehr Bewegung, andere mehr Ruhe. Manche lieben Suchspiele, andere genießen ihre Schnüffelrunde oder einen Kauknochen auf der Decke.

 

Das Wichtigste ist: Sieh deinen Hund.
Nimm dir Zeit, beobachte ihn – und finde heraus, was ihn wirklich erfüllt. Nicht nur körperlich, sondern auch mental.

 

Und ganz oft ist es einfach nur: Zeit miteinander.
Ohne Plan. Ohne Ziel. Aber mit Herz.

 

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